Dem Diabetes trotzen

Wenn die Nieren versagen und

 das Bauchfell übernimmt

                             Dr. Hans Jakob Gloor

 

 

 

Was haben die Oscarpreisträgerin  Halle Berry und der ehemalige russische Staatschef Mikhail Gorbachev gemeinsam? Beide haben in ihrem Bereich Höchstleistungen vollbracht und viel erreicht, mit oder trotz Diabetes.

Diabetiker übernehmen die Verantwortung für sich und ihre Therapie. Auch wenn ihre Organe langfristig erheblichen Schaden erleiden, ist es erklärtes Ziel der Behandlung, ein Leben in grösstmöglicher Selbständigkeit und Selbstbestimmung zu führen. 

 

Vom einfachen Risikofaktor zum komplizierten Nierenversagen

Ein unkontrolliert erhöhter Blutzucker ist zunächst „nur“ ein kaum spürbarer Risikofaktor. Über Jahre und Jahrzehnte entwickeln sich schleichend und unwiderruflich Schäden an den Blutgefässen, so auch an den Nieren. Diabetiker haben ein markant erhöhtes Risiko für ein chronisches Nierenversagen, die sogenannte diabetische Nephropathie. Diese ist zunächst als Eiweissausscheidung im Urin (Proteinurie) nachweisbar, später als fortschreitender Verlust der Entgiftung. Wenn unsere Ausscheidungsorgane weniger als 10% ihrer normalen Leistung erbringen, treten Vergiftungssymptome auf. Die versagenden Nieren müssen ersetzt werden, zum Beispiel durch eine Nierentransplantation. Wegen Organmangels oder fehlenden Nierenspendern sind Transplantationen oft nicht zeitgerecht  möglich, sodass nur durch Dialyse – einer künstlichen „Wäsche“ - die betroffenen Personen vor dem vorzeitigen Tod bewahrt werden können. Die Dialyse kann nicht nur als Blutwäsche (Hämodialyse) im Spital, sondern ebenso erfolgreich zu Hause in Form der Bauchfelldialyse (Peritonealdialyse) angeboten werden.

 

Ein Organ mit vielen Talenten

Es ist erstaunlich:  Unser Bauchfell, das Peritoneum mit seinen vielen Haargefässen und einer porösen Membran, kann die Filterfunktion der Nieren ersetzen. 1976 haben amerikanische Kliniker in Austin (Texas) herausgefunden, dass die chronische Nierenvergiftung  mit regelmässigen Spülungen der Bauchhöhle vermieden werden kann. Indem man eine Spüllösung in den Bauch einfliessen, einige Stunden verweilen und dann wieder abfliessen lässt, werden dem Blut die Stoffwechselendprodukte wie Harnstoff und Kreatinin entzogen, welche normalerweise den Körper über den Urin verlassen. Die Therapie kann ambulant durch manuell ausgeführte Beutelwechsel  3-4 mal pro Tag, oder automatisch während der Nacht an einem Austauschapparat (Cycler) erfolgen.

 

Autonomie während der Wartezeit auf die Transplantation

Das Patientenüberleben ist bei der Bauchfelldialyse und bei der Blutwäsche ähnlich, die Lebensqualität dagegen wegen der grösseren Freiheit bei der Bauchfelldialyse besser. Beide Verfahren eignen sich gut für Diabetiker, die auf eine Nierentransplantation warten müssen. Vorteile der Bauchfelldialyse sind ferner die bessere Mobilität (überall durchführbar), die geringeren Diätvorschriften und die Sanftheit der Methode (weniger Blutdruck- und Stoffwechselschwankungen). Am wichtigsten aber ist die Unabhängigkeit vom Spital und der Dialysestation.

 

Heimdialyse auch für Diabetiker als erste Wahl zu empfehlen

In Deutschland verabschiedete eine breite Trägerschaft aus Ärzten, Wissenschaftlern und Krankenkassen letztes Jahre eine neue Versorgungsleitline. Sie empfiehlt für Diabetiker die Bauchfelldialyse als bevorzugte erste Therapiewahl. Als Gründe werden die eigenverantwortliche Behandlung, eine bessere Prognose in den ersten Behandlungsjahren, eine längere Aufrechterhaltung der Nierenrestfunktion sowie die Möglichkeit einer kontinuierlichen Entgiftung genannt.

 

Früherkennung und Aufklärung sind immens wichtig

Die gute Neuigkeit ist: Wir können auch mit einer eingeschränkten Nierenfunktion sehr lange relativ normal leben, bevor eine Dialyse notwendig wird. Wichtig ist, dass Diabetiker für die Thematik der diabetischen Nephropatie sensibilisiert werden und bei Anstieg der „Nierengifte“ bald einem Fachspezialisten für Nierenkrankheiten (Nephrologen) zugewiesen werden. Eine umfassende Information der Patienten über die verschiedenen Formen der Nierenersatztherapie (Transplantation, Bauchfelldialyse, Blutwäsche) ist eine Voraussetzung, dass für den Patienten die beste Behandlungsstrategie gefunden wird.

 

Lesen Sie mehr zum Thema:

www.diabetes.versorgungsleitlinien.de